Neue Heizung oder erst dämmen? Lohnt sich der Fenstertausch? Und wie viel Förderung ist wirklich drin? Wer im Bestand saniert, steht schnell vor einem Dutzend Fragen, auf die es widersprüchliche Antworten gibt je nachdem, wen man fragt. Wir haben mit Ömer Sürek von Kremer EGK – Energie- und Gebäudekonzepte gesprochen,Spezialisten für Altbausanierung aus München. Das Unternehmen begleitet Altbausanierungen in München und Oberbayern von der Energieberatung über den Förderantrag bis zur fertigen Baustelle. Ein Gespräch über hartnäckige Mythen, unterschätzte Fördermöglichkeiten und die Frage, warum die richtige Reihenfolge über mehrere zehntausend Euro entscheiden kann.

Hausbau Blog & Bautagebuch: Neue Heizung oder erst dämmen? An dieser Frage hängen viele Sanierungen schon ganz am Anfang.
Ömer Sürek, Geschäftsführung Kremer EGK: Fast immer zuerst die Gebäudehülle aber die ehrliche Antwort ist: Das entscheidet das Objekt, nicht die Faustregel. Bei einem Haus, das für seine Zeit gut gebaut wurde, etwa nach Wärmeschutzverordnung 1995 oder EnEV 2014/2016, und bei dem in den letzten Jahren ohnehin schon Fenster oder Dach erneuert wurden, kann die Heizung durchaus der erste sinnvolle Schritt sein.
Falsch ist etwas anderes: die Heizung ohne ganzheitliche Betrachtung zu erneuern. Eine Wärmepumpe läuft rein technisch auch in einem energetisch schlechten Gebäude nur eben ineffizient, mit entsprechend hohen Betriebskosten und einer Anlage, die größer dimensioniert werden muss als nötig. Diese Entscheidung kauft man sich dann zwanzig Jahre lang jeden Winter neu ein.
Deshalb steht bei uns am Anfang die Beratung und der Termin vor Ort. Man muss ein Haus gesehen haben Bauteilaufbauten, Anschlüsse, Heizflächen, den tatsächlichen Zustand der Fenster. Ein individueller Sanierungsfahrplan, kurz iSFP, ist danach ein hilfreiches Instrument, um die Reihenfolge sauber zu dokumentieren. Aber das Denken passiert vorher, nicht im Dokument.
Hausbau Blog & Bautagebuch: Der iSFP gilt als Förderhebel. Wie viel holt man damit wirklich heraus?
Ömer Sürek: Sehr viel, wenn man ihn richtig einsetzt. Wer Einzelmaßnahmen aus einem geförderten iSFP umsetzt, kann in der Regel einen zusätzlichen Bonus von 5 % erhalten und, was viele übersehen: Der Fahrplan erhöht zusätzlich die ansetzbaren förderfähigen Kosten. Über eine Dämmung oder ein neues Dach gerechnet ergibt das je nach Projekt einen spürbaren Betrag.
Der iSFP-Bonus ist dabei nur ein Baustein. Je nach Vorhaben und Eigentümersituation kommen weitere Hebel in Frage der Einkommensbonus, der Klimageschwindigkeitsbonus beim Heizungstausch, dazu regionale Programme wie das Münchner FKG. Für Eigentümer ist diese Förderlandschaft schwer zu überblicken, weil die Programme unterschiedlichen Logiken folgen und sich teils gegenseitig ausschließen, teils sauber kombinieren lassen.
Genau da sehen wir unsere Aufgabe: Klarheit schaffen und das für dein Projekt bestmögliche Paket herausholen nicht das erstbeste. Die genauen Konditionen und Sätze solltest du trotzdem immer aktuell bei BAFA oder KfW prüfen, weil sich Förderdetails regelmäßig ändern.
Hausbau Blog & Bautagebuch: Woran merkt man, dass Sanieren im Bestand etwas völlig anderes ist als Neubau?
Ömer Sürek:Im Neubau planst du auf dem weißen Blatt. Im Bestand arbeitest du mit dem, was da ist und was da ist, weiß oft niemand genau. Bauteilaufbauten weichen von den Plänen ab, es wurde zwischendurch umgebaut, Anschlüsse sind nicht normgerecht ausgeführt. Deshalb sagen wir: Sanieren im Bestand ist Millimeterarbeit. Du planst eine Dämmstärke und stellst beim Öffnen fest, dass der Dachstuhl anders aufgebaut ist als angenommen. Dann muss die Lösung sitzen, und zwar bauphysikalisch und fördertechnisch gleichzeitig.
Dazu kommen Randbedingungen, die man früh mitdenken muss: Denkmal- oder Ensembleschutz, enge Grundstücke, Gerüststellung, Nachbarn, Genehmigungen. Das sind alles Themen, die nicht kompliziert sind aber teuer werden, wenn sie erst auf der Baustelle auftauchen.
Unsere Rolle geht deshalb bewusst über Beratung hinaus. Wir steuern nicht nur, wir setzen komplett um: Beratung, Planung, Förderantrag, Ausführung mit allen Gewerken bis zur Schlüsselübergabe. Für dich heißt das ein Ansprechpartner statt fünf Gewerken und die Sicherheit, dass die Förderfähigkeit nicht nur beantragt, sondern auf der Baustelle auch tatsächlich eingehalten wird.
Hausbau Blog & Bautagebuch: Ihr beratet unabhängig und setzt anschließend selbst um. Wie passt das zusammen?
Ömer Sürek: Sehr gut sogar weil wir kein Gewerkebetrieb sind. Wenn ein Dachdecker sich dein Haus anschaut, kommt er zu dem Ergebnis, dass das Dach das Dringendste ist. Der Fensterbauer sagt dasselbe über die Fenster. Beide meinen das nicht einmal unehrlich, sie sehen das Gebäude eben durch ihre Brille und für jedes einzelne Gewerk gibt es immer ein plausibles Argument. Für dich als Eigentümer heißt das am Ende: drei überzeugende Angebote und keine Antwort auf die Frage, was wirklich zuerst dran ist.
Wir haben kein eigenes Dach, keine eigenen Fenster und keine Heizung zu verkaufen; einzelne Gewerke lehnen wir eher ab. Wir schauen übergeordnet auf das Gebäude und sagen dir, was sinnvoll ist, in welcher Reihenfolge und ehrlicherweise auch, was du dir vorerst sparen kannst. Erst danach organisieren wir die Umsetzung mit den passenden Betrieben. Diese Reihenfolge ist der eigentliche Punkt: erst die Analyse, dann die Ausführung. Nicht umgekehrt.
Hausbau Blog & Bautagebuch: Wenn du ein Haus zum ersten Mal siehst wo liegt erfahrungsgemäß das meiste Potenzial?
Ömer Sürek: Pauschal lässt sich das nicht sagen, aber es gibt eine sinnvolle Gliederung. Auf der einen Seite stehen die günstigen Maßnahmen: die oberste Geschossdecke dämmen, die Kellerdecke dämmen. Beides ist schnell umgesetzt, vergleichsweise preiswert und bringt spürbar etwas gerade die Kellerdecke wird dabei oft übersehen. Das Dach gehört ausdrücklich nicht in diese Kategorie, das ist eine andere Größenordnung.
Auf der anderen Seite stehen die großen Schwachstellen, also dort, wo die meisten Transmissionswärmeverluste entstehen: die ungedämmte Fassade und alte Bestandsfenster. Fenster sollte man sich im Einzelfall wirklich ansehen und prüfen, statt sie pauschal zu tauschen manche Bestandsfenster sind besser als ihr Ruf, andere sind ihr Geld nicht mehr wert.
Was ich in dem Zusammenhang immer wieder geradeziehen muss, ist der Mythos, Dreifachverglasung sei „zu dicht“ und verursache Schimmel. Das ist fachlich Unsinn. Glas lässt weder Luft noch Feuchtigkeit durch eine Zweifachverglasung ist in dieser Hinsicht genauso dicht wie eine Dreifachverglasung. Der Unterschied liegt im U-Wert, nicht in der Dichtheit. Worauf man tatsächlich achten muss, ist die Luftdichtheit der Anschlüsse beim Fenstereinbau und die Frage, wie sich der Taupunkt danach im Gebäude verschiebt. Wenn neue, korrekt eingebaute Fenster in einer ungedämmten Wand sitzen, wandert der kritische Punkt an die Wand deshalb gehört das Lüftungskonzept mit auf den Tisch, nicht ein billigeres Fenster.
Bei der Heizung gilt: Wärmepumpen funktionieren im sanierten Altbau oft besser, als viele erwarten, wenn Vorlauftemperaturen und Heizflächen passen. Und Photovoltaik mit Speicher ergibt inzwischen in den meisten Fällen tatsächlich Sinn, weil die Amortisationszeiten mittlerweile niedrig sind zumal dein Strombedarf mit Wärmepumpe und E-Auto ohnehin steigt.
Hausbau Blog & Bautagebuch: Und wo scheitern Sanierungen in der Praxis?
Ömer Sürek: Meistens nicht an der Technik die ist beherrschbar. Es scheitert an drei anderen Stellen.
Erstens an der Reihenfolge. Wir hatten Kunden, die eine neue Gasheizung eingebaut haben und wenig später auf eine Wärmepumpe umsteigen wollten. Doppelkosten, die mit einer Beratung vorher vermeidbar gewesen wären.
Zweitens an der Förderung und zwar in zwei Varianten. Der Antrag wird zu spät gestellt: Wer beauftragt, bevor der Antrag steht, riskiert je nach Programm die komplette Förderung. Das ist der teuerste vermeidbare Fehler überhaupt. Oder die Ausführung entspricht nicht den Anforderungen: Da werden Fenster mit U-Werten eingebaut, die knapp unter der Förderfähigkeit liegen, Dämmaufbauten weichen von der Planung ab, Nachweise fehlen. Der Handwerker hat dann fachlich sauber gearbeitet aber förderrechtlich ist die Maßnahme durch. Diese Fallstricke sind bekannt, man muss sie nur kennen und im Blick behalten.
Und drittens die Schnittstellen. Das fängt schon vor der Baustelle an: Du brauchst nicht nur Handwerker, die Zeit haben, sondern auch einen Energieberater, der zum Projekt passt und ebenfalls Kapazität hat. Und da gibt es Unterschiede manche listen dir vor allem auf, was alles nicht geht, andere arbeiten konstruktiv auf eine Lösung hin. Als Eigentümer kannst du das vorher schwer einschätzen.
Auf der Baustelle scheitert es dann selten an der einzelnen Leistung Boden legen, etwas Trockenbau, das bekommt jeder koordiniert. Es scheitert dazwischen: Wer ist für den Anschluss zuständig, wenn zwei Gewerke aufeinandertreffen? Wer stellt das Gerüst, wer hält es vor, wer trägt die Standzeit, wenn der nächste Betrieb erst zwei Wochen später kommt? Genau da wird es teuer und zieht sich. Wenn eine Stelle die ganze Kette hält Beratung, Förderantrag, Ausführung gibt es diese Lücken schlicht nicht. Das ist der Grund, warum wir das bewusst zusammen anbieten und nicht in Einzelteilen.
Hausbau Blog & Bautagebuch: Was rätst du Eigentümern, die noch zögern?
Ömer Sürek: Nicht auf den perfekten Moment warten den gibt es nicht. Das ist ein bisschen wie an der Börse: Wer auf den idealen Einstiegszeitpunkt wartet, steht am Ende meistens noch daneben, während die anderen längst investiert sind. Nur dass du beim Haus zusätzlich jeden Winter mitheizt, während du wartest.
Viele zögern, weil sie befürchten, dass sich die Förderung wieder ändert. Dabei ist es genau andersherum: Maßgeblich ist der Stand zum Zeitpunkt der Antragstellung. Wer den Antrag durch hat, hat einen Anspruch, unabhängig davon, was politisch danach passiert. Abwarten sichert dir also nichts Beantragen schon.
Und das Schönste an unserer Arbeit ist ehrlich gesagt der Moment, in dem Kunden sich zurücklehnen können, während das Projekt läuft. Wer schon einmal auf eigene Faust saniert hat, weiß, was das zeitlich bedeutet. Eine Baustelle wartet nicht bis zum Feierabend. Wenn der Handwerker vor Ort eine Entscheidung braucht, braucht er sie jetzt und nicht heute Abend um acht und genau das ist neben einem Berufsleben kaum zu leisten. Diese ständige Erreichbarkeit nehmen wir dir ab.
Der erste Schritt ist klein: Bestandsunterlagen zusammensuchen Grundrisse, letzte Heizkostenabrechnung, Baujahr, bekannte Sanierungen. Dann ein Erstgespräch führen und das Haus einmal fachlich anschauen lassen. Ab da wird aus einem diffusen „Wir müssten mal…“ ein planbares Projekt, bei dem du genau weißt, welcher Schritt als Nächstes ansteht.
Hausbau Blog & Bautagebuch: Vielen Dank für das Gespräch.



